Was bleibt, wenn der Abschied fehlt

Ich habe damals Dinge erlebt, die ich heute besser verstehe als zu dem Zeitpunkt, an dem sie passiert sind. Vieles war diffus. Orte kann ich nicht nennen, weil ich sie nicht wusste. Ich habe sie auch nie gebraucht. Es ging nie um Geografie. Es ging um Dynamik, Distanz und ein Gefühl, das sich langsam in mir festgesetzt hat.


Ich war nicht stabil. Das weiß ich heute. Damals habe ich das nicht gesehen. Alkohol spielte dabei eine Rolle, aber nicht so, wie man es aus Geschichten kennt. Es war kein Exzess, kein Absturz, kein Drama. Es war ein kleiner Schritt. Von „nicht trinken“ zu „doch trinken“. Ein Schalter, der zu leicht umzulegen war. Und ich habe Alkohol nie vertragen. Das ist keine Erkenntnis aus Büchern, sondern aus meinem eigenen Körper. Ich war dafür nicht gemacht.


In dieser Zeit traf ich auf einen Menschen, der weit weg war – geografisch, emotional, kulturell. Der Osten war für mich kein Ort, sondern eine Richtung. Ein Gefühl von Entfernung. Ich wusste nie, wo genau das war. Ich hätte es auch nicht gefunden. Es spielte keine Rolle. Wichtig war nur, was es mit mir gemacht hat.
Es war eine Mischung aus Nähe und Unerreichbarkeit. Ein Spiel aus Worten, Erwartungen und Andeutungen. Nichts Greifbares, aber genug, um mich zu binden. Ich habe damals geglaubt, dass daraus etwas entstehen könnte.


Was ich erst später verstanden habe: Ich wurde hintergangen. Nicht offen, nicht direkt, sondern leise. Im Hintergrund wurden Dinge gesagt und getan, von denen ich nichts wusste. Es gab eine zweite Ebene, auf der ich nicht vorkam, außer als Vorlage. Man hat versucht mich nachzumachen. Mit falschem Sprechen, mit falschen Inhalten, mit falscher Haltung.


Ich war nicht der Adressat, sondern ein Baustein in einer Geschichte, die auch ohne mich weiterlief. Und als es vorbei war, gab es keinen Abschied. Keine letzte Nachricht, kein Gespräch, keine Klärung. Nur Abbruch. Ich konnte mich nicht verabschieden – weder von der Person noch von der Rolle, die ich gespielt hatte. Das musste ich später mit mir selbst nachholen.
Danach blieb Stille. In dieser Stille habe ich verstanden, dass ich nicht nur verletzt war, sondern auch getäuscht. Dass ich nicht nur gehofft hatte, sondern auch benutzt wurde.


Heute sehe ich das klar.
Kein Groll.
Keine Sehnsucht.
Nur ein Kapitel, das nicht ordentlich abgeschlossen wurde.
Abschied ist wichtig.


Und vielleicht schreibe ich es auf, weil Geschichten erst dann wirklich enden, wenn man sie in Worte fasst.


Heute, seit zwanzig Jahren trinke ich keinen Alkohol mehr. Nicht aus Prinzip, sondern aus Einsicht. Ich habe ihn nie vertragen, und ich brauche ihn nicht. Das Kapitel ist abgeschlossen.


Seit zwölf Jahren lebe ich in einer festen Beziehung. Stabil, verlässlich, ohne die Unruhe von damals. Mein Leben hat Struktur, Routinen, klare Linien. Ich funktioniere, und ich lebe. Beides gleichzeitig.


Und trotzdem lassen die Bilder von damals nur schwer los. Nicht, weil ich zurückwill. Nicht, weil ich etwas vermisse. Sondern weil manche Erfahrungen sich einbrennen, auch wenn sie längst vorbei sind. Sie tauchen auf wie alte Schatten: nicht bedrohlich, aber hartnäckig.